Kaum eine Wein-Empfehlung hält sich so hartnäckig wie diese: Rotwein trinkt man bei Zimmertemperatur. Mein Rat: Tu das nicht. Der Spruch stammt aus einer Zeit, in der es noch keine Heizkörper gab und die Menschen hinter dicken Mauern lebten. Damals waren die Räume auch im Sommer deutlich kühler als unsere heutigen, gut geheizten Wohnungen. Heute herrschen drinnen oft 20 bis 22 Grad, und das liegt klar über der idealen Trinktemperatur von Rotwein.

Inhaltsverzeichnis
Warum Zimmertemperatur der falsche Maßstab ist
Als die Regel entstand, meinte Zimmertemperatur ungefähr 16 bis 18 Grad. Genau das ist bis heute der ideale Bereich für die meisten Rotweine. Nur: Unsere Zimmer haben mit diesen 16 bis 18 Grad nichts mehr zu tun. Wer seinen Rotwein heute bei echter Zimmertemperatur serviert, trinkt ihn fast immer zu warm. Im Hochsommer kann das sogar bedeuten, den Wein bei 28 Grad ins Glas zu gießen, und dann schmeckt selbst ein guter Tropfen nach Alkohol und wenig sonst.
Die ideale Trinktemperatur für Rotwein
Rotwein ist nicht gleich Rotwein. Ein leichter, fruchtiger Wein will kühler ins Glas als ein schwerer, tanninreicher Klassiker. Diese Richtwerte kannst du dir merken:
| Rotwein-Typ | Beispiele | Ideale Temperatur |
|---|---|---|
| Leicht und fruchtig | Spätburgunder, Beaujolais, Dornfelder | 13 bis 16 Grad |
| Mittelkräftig | Chianti, Merlot, Zweigelt | 15 bis 17 Grad |
| Kräftig und tanninreich | Bordeaux, Barolo, Cabernet Sauvignon, Syrah | 16 bis 18 Grad |
Als Faustregel gilt: Je kräftiger und tanninbetonter ein Rotwein, desto wärmer darf er serviert werden. Leichte Rote profitieren dagegen von ein paar Grad weniger, das macht sie frischer und lebendiger. Noch genauer gehe ich darauf in meinem Artikel zur idealen Weintemperatur ein.
So bringst du Rotwein einfach auf die richtige Temperatur
Du brauchst dafür kein Thermometer und keine teure Ausstattung. Zwei einfache Wege reichen:
- Rotwein aus dem warmen Zimmer: Stell ihn vor dem Servieren 20 bis 30 Minuten in den Kühlschrank. Das senkt die Temperatur in den idealen Bereich.
- Rotwein aus dem kühlen Keller: Hol ihn 30 bis 45 Minuten vor dem Trinken heraus, damit er sich langsam an die Trinktemperatur annähert.
Ein kleiner Profi-Trick: Lieber etwas zu kühl einschenken als zu warm. Im Glas erwärmt sich der Wein durch die Handwärme und die Raumluft ohnehin schnell um ein, zwei Grad.
Was passiert, wenn die Temperatur nicht stimmt
Trinkst du deinen Rotwein zu warm, wirkt er alkoholisch und unharmonisch. Je wärmer er wird, desto plumper schmeckt er, die Frucht tritt zurück und der Alkohol drängt sich in den Vordergrund. Ein zu kalt servierter Rotwein hat das gegenteilige Problem: Er wirkt dünn und herb, schmeckt flach und kann seine Komplexität und Fülle nicht zeigen. Die richtige Temperatur ist also kein Detail für Angeber, sondern entscheidet hörbar mit, ob dir ein Wein schmeckt.
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Häufige Fragen
Wie kalt darf Rotwein sein?
Leichte, fruchtige Rotweine vertragen problemlos 13 bis 14 Grad. Unter etwa 12 Grad wird es für die meisten Rotweine zu kalt, dann verschließen sich Aroma und Frucht.
Kann ich Rotwein in den Kühlschrank stellen?
Ja, kurz vor dem Servieren ist das sogar empfehlenswert, wenn der Wein zu warm ist. Für die Dauerlagerung ist der Haushaltskühlschrank dagegen nicht ideal, dafür ist er zu kalt und zu trocken. Wer Wein dauerhaft richtig temperieren und lagern möchte, ist mit einem Weinkühlschrank deutlich besser bedient. Eine schon geöffnete Flasche hält im Kühlschrank aber deutlich länger. Wie lange genau, zeigt dir unser Frische-Rechner für offenen Wein.
Was ist mit Zimmertemperatur dann überhaupt gemeint?
Gemeint war ursprünglich die kühle Zimmertemperatur alter, unbeheizter Häuser, also rund 16 bis 18 Grad. Mit der Temperatur deines heutigen Wohnzimmers hat das nichts mehr zu tun.
Fazit
Rotwein bei Zimmertemperatur zu trinken, ist gut gemeint, aber meistens zu warm. Halte dich an 16 bis 18 Grad für kräftige und an 13 bis 16 Grad für leichte Rotweine, dann schmeckt jeder Wein so, wie er gedacht ist. Ein kurzer Aufenthalt im Kühlschrank reicht oft schon aus.

ÜBER DEN AUTOR
Daniel Bayer
Sommelier · WSET Level 3 · VINUM Top-20-Weinfluencer 2023
Ich bin Daniel Bayer, Gründer und Herausgeber von Wein verstehen und zertifiziert nach WSET Level 3. Seit 2016 schreibe ich auf wein-verstehen.de über Wein, spreche im Winzer-Talk-Podcast mit Winzern aus ganz Europa und nehme dich mit auf Weinreisen. Mein Ziel ist es, Wein verständlich zu machen, für jeden, der ihn gern trinkt.

Hallo Daniel,
ja, das mit der Zimmertemperatur ist leider immer noch ein weit verbreitetes Vorurteil aus vergangener Zeit.
Manche Rotwein-Rebsorten munden sogar bei noch geringeren Temperaturen.
Unser schwäbischer Trollinger schmeckt am besten, wenn er auf 12 – 14 Grad temperiert ist.
Mancher Portwein schmeckt leicht gekühlt auch harmonischer, da er dann weniger Alkohollastig mundet.
Schönen Gruß
Bernd
Danke für deine Ergänzung Bernd. Da hast du natürlich vollkommen recht. Vinophile Grüße, Daniel.