Ich predige es immer wieder:

„learning by drinking“

Wenn du Wein verstehen und kennen lernen willst, musst du verkosten. Viel verkosten.

Das bedeutet aber nicht 5 Liter vom selben Wein in sich hineinzukippen.

Es bedeutet viele verschiedene Weine zu probieren und miteinander zu vergleichen.

Damit die Erkenntnisse vergleichbar sind und du auch noch etwas dabei lernen kannst, empfehle ich dir für den Anfang: „Beschränke dich auf eine Rebsorte“

Vergleiche z.B. 10 verschiedene Riesling Weine miteinander. „Stopp“, – höre ich dich rufen. „Ich habe nicht so viel Geld, um mir 10 verschiedene Weine einfach so zu leisten!“

Das kann ich verstehen. Ehrlich.

Aber ich verlange auch nicht vor dir, in die nächste Vinothek zu fahren und den Kofferraum bis hin zum Rand mit Wein voll zu laden. Es gibt eine smartere Möglichkeit viele verschiedene Weine miteinander zu vergleichen.

Weinproben.

Auch Weinverkostungen genannt, bieten dir die Gelegenheit viele verschiedene Weine zu probieren und miteinander zu vergleichen.

Dabei empfehle ich dir eine Weinmesse zu besuchen. Weinmessen für Endverbraucher gibt es in vielen deutschen Städten und sind oftmals völlig kostenlos.

Der Vorteil einer Weinmesse ist auch, dass du selbst entscheiden kannst, welche Stände du besuchst und welche Weine du probieren möchtest.

So kannst du dich auf eine oder zwei Rebsorten beschränken.

Wenn du schon etwas mehr Erfahrung hast und eine Rebsorte blind erkennen kannst, bietet es sich an diese aus verschiedenen Anbaugebieten zu vergleichen.

Ein Riesling von der Mosel schmeckt ganz anders, als ein Riesling aus der Pfalz.

Bevor du jetzt aber losstürmst und die nächsten Weinmessen für deinen Ort auskundschaftest, möchte ich dich kurz bremsen.

Bei einer Weinverkostung werden nämlich immer wieder Fehler gemacht und diese Fehler möchte ich dir gerne ersparen.

Welche Fehler das sind und wie du sie vermeiden kannst, erfährst du jetzt.

1. Trage nicht zu dick auf

Was ist das wichtigste Organ um Wein beurteilen zu können?

Richtig, die Nase.

Das Riechhirn des Menschen kann bis zu 4000 verschiedene Gerüche unterscheiden [JEN-07]

Diese Erkenntnisse haben wissenschaftliche Untersuchungen ergeben.

 

Wir verfügen also über ein hochsensibles Instrument um dem Wein seine Geheimnisse entlocken zu können.

Dumm nur, wenn zu viele Eindrücke beim Verkosten auf dich einströmen.

Es ist mir schon unzählige Male passiert, dass ich beim Riechen am Wein plötzlich Armani oder Chanel Parfum in der Nase wahrgenommen habe.

Diese intensiven Duftwolken sind so stark, dass sie jegliches Aroma im Wein überdecken.

In diesem Fall suche ich meistens rasch das Weite und begebe mich an einen geruchsneutraleren Ort.

Deshalb solltest du vor einer Weinprobe auf jegliches Parfum, Rasierwasser oder andere duftende Kosmetika verzichten.

Damit tust du nicht nur dir selbst einen Gefallen, sondern auch den Mitmenschen in deiner Umgebung.

2. Übertreibe es nicht mit der Mundhygiene

Zugegeben – schlechter Atem ist nicht sexy.

Ein Wein der nach Odol med 3, Wrigley’s extra oder Ricola Kräuterbonbons schmeckt aber auch nicht.

Trotzdem sehe ich es immer wieder. Menschen die auf Weinproben Kaugummis kauen oder Bonbons lutschen.

Wenn du den Wein wirklich schmecken möchtest, rate ich dir dringend davon ab, vor oder während der Weinverkostung Mundhygiene zu betreiben.

Nach dem Zähne putzen oder Kaugummi kauen ist dein Geschmackssinn für mindestens 20 Minuten nicht zu gebrauchen.

3. Sei kein Koffein-Junkie

Ich gebe es zu.

Ich liebe Kaffee. Selbst jetzt, während ich diese Zeilen eintippe, steht vor mir eine heiße, dampfende Tasse auf dem Schreibtisch.

Er hilft mir mich zu konzentrieren und versorgt mich mit neuer Energie.

Trotzdem lehne ich jeden Kaffee und Espresso, während oder vor einer Weinverkostung ab.

Das schwarze Heißgetränk hat eine Eigenschaft, die wir während einer Weinprobe nicht brauchen können.

Kaffee lähmt den Geschmack für ca. 20 Minuten und beeinträchtigt die Fähigkeit Aromen im Wein wahrzunehmen.

Deshalb rate ich dir dringend davon ab, während der Verkostung eine Kaffeepause zu machen.

Natürlich spricht nichts dagegen nach der Weinprobe eine Tasse Kaffee oder Espresso zu genießen.

Weinverkostung Günther Jauch
Günther Jauch beim präsentieren seiner Weine auf der VDP.Tour GROSSE LAGE 2018 in München. Zusammen mit seiner Frau Thea leitet er das Weingut von Othegraven.

4. Betrachte die Dinge im richtigen Licht

Wenn du dich dazu entschlossen hast, Wein seriös zu verkosten, ist neben der geschmacklichen Beurteilung auch die Optik ein wichtiger Punkt.

Allein durch das Sehen lässt sich bereits eine Menge über den Wein sagen.

  • So sind geübte Weinkenner anhand der Farbe in der Lage, Rückschlüsse auf das Alter des Weins zu ziehen
  • Während Weißwein mit zunehmenden Alter immer kräftigere Farbtöne entwickelt, verliert Rotwein seine Farbintensität
  • Außerdem gilt: Je gereifter ein Wein ist, desto größer ist die Farbdifferenz zwischen Kern und äußerer Kante
  • Anhand der Farbgebung können auch Rückschlüsse auf die Art der Rebsorte oder den Ausbau und das Klima gezogen werden

Willst du wissen was das Beste daran ist?

Du brauchst kein besonderes Talent für eine optische Bewertung des Weins.

Alles was du brauchst sind gute Sehverhältnisse.

Und an dieser Stelle fangen die Fehler an.

Leider greifen vereinzelte Weingüter oder Händler, die ihre Weine präsentieren wollen, immer wieder zu farbigen oder gemusterten Tischdecken.

Um die Farben erkennen zu können, musst du das Glas aber über einen weißen und ungemusterten Hintergrund halten.

Es nützt die schönste Tischdecke nichts, wenn du den Wein nicht visuell erfassen kannst.

Neben dem richtigen Hintergrund spielen auch die gegebenen Lichtverhältnisse eine wichtige Rolle. Am besten eignet sich Tageslicht ohne direkte Sonnenbestrahlung um die richtige Farbe zu erkennen.

Neonlicht und Kerzenschein hingegen können den Farbton verfälschen. So neigt Neonlicht dazu, die Farbe bräunlicher erscheinen zu lassen, wodurch du falsche Informationen über den Wein erhältst.

Nun hast du beim Besuch einer Weinverkostung nur bedingt Einfluss auf die perfekten Sehverhältnisse. Daher habe ich noch einen Tipp für dich.

Nimm dir ein paar Blätter loses, weißes Papier mit. Sollte am Weinstand eine farbige oder gemusterte Tischdecke sein, kannst du das Papier als Hintergrund verwenden.

Außerdem kannst du deine Eindrücke gleich auf dem Papier festhalten und dir Notizen machen.

5. Kenne dein Limit

Ich sehe sie auf fast jeder Weinprobe.

Gäste die ihr Limit nicht kennen und die Weinprobe nicht als Anlass zur Verkostung und Horizonterweiterung nutzen, sondern ein großes Saufgelage veranstalten.

Fremdschämen.

Betrunken taumeln sie von einem Stand zum nächsten und strecken dem verdutzten Winzer zitternd ihr Weinglas entgegen.

Sei nicht dieser Typ.

Niemand wird auf einer Weinprobe gezwungen den Wein hinunterzuschlucken. In der Regel befinden sich an jedem Stand oder Tisch Spucknäpfe, die dazu einladen den Wein wieder auszuspucken.

Schämen musst du dich deswegen nicht.

Damit möchte ich aber nicht sagen, dass du jeden Tropfen Wein sofort wieder ausspucken musst.

Du musst selbst einschätzen können wieviel gut für dich ist und wo dein Limit liegt.

Da ich in der Regel mit dem Auto zu derartigen Weinmessen fahre, spucke ich fast alle Proben wieder aus.

Nur bei meinen absoluten Favoriten mache ich eine Ausnahme, um den Nachklang beurteilen zu können.

Zum Genießen und Weintrinken bleibt zu Hause immer noch Zeit. Wenn du clever bist, kaufst du deinen Lieblingswein bei der Weinverkostung und genießt diesen dann in Ruhe daheim.

6. Zügle deinen Appetit

Du bist auf dieser Weinverkostung um etwas dazu zu lernen.

Auf der Probe hast du die Gelegenheit, unkompliziert, viele verschiedene Weine zu verkosten und miteinander zu vergleichen.

Dabei musst du konsequent und fokussiert vorgehen.

Besonders auf Endverbrauchermessen lauern aber viele Ablenkungen auf dich. Einige Stände laden den Besucher dazu ein, ein Stück guten Käse mit Brot oder ein paar saftige Weintrauben zum Wein zu genießen.

Halte dich besser fern davon.

Ich beobachte immer wieder Menschen, die während der Verkostung eine Scheibe Brot nach der anderen essen.

Dies diene der geschmacklichen Neutralisation zwischen den Weinen.

Nur stimmt das leider nicht.

Bereits in der Schule haben wir gelernt, dass beim Kauen die Stärke des Mehls in Zucker umgewandelt wird. Was wir in der Schule aber nicht gelernt haben ist, dass diese Süße die Säurewahrnehmung beim nachfolgenden Wein beeinflussen kann.

Somit erhältst du wieder eine vermeintliche Fehlinformation über den Wein.

Wenn du trotzdem das Bedürfnis hast den Geschmack des letzten Weins zu neutralisieren, solltest du auf ein einfaches, stilles Wasser zurückgreifen.

Dieses erfrischt deine Geschmackspapillen und reinigt somit den Gaumen für die nächsten sensorischen Eindrücke.

Fazit

Ich weiß, ich weiß.
Das waren sehr viele Informationen.
Du hast keine Ahnung, wie du dir das alles merken sollst?

Kein Problem. Ich fasse dir die wichtigsten und wesentlichen Punkte gerne noch einmal zusammen.

  1. Verzichte auf die Verwendung von Parfum, Rasierwasser oder anderen duftenden Kosmetika
  2. Putz dir nicht direkt vor der Weinprobe die Zähne
  3. Kaue keine Kaugummis während des Messebesuchs und lutsche keine Bonbons
  4. Trinke während oder vor der Weinverkostung keinen Kaffee oder Espresso
  5. Achte darauf die Farbe des Weins in einem guten, taghellem Licht zu beurteilen
  6. Wenn kein passender Hintergrund für das Weinglas vorhanden ist, halte ein weißes Blatt Papier hinter das Glas, um die Farbe zu bewerten
  7. Benutze die Spucknäpfe und schlucke den Wein nicht unkontrolliert herunter
  8. Solltest du trotzdem hin und wieder schlucken: Kenne dein Limit
  9. Neutralisiere das Geschmacksbild mit stillem Wasser
  10. Lass die Finger von Snacks wie Brot oder Weintrauben

Wenn du diese 10 Regeln befolgst, legst du einen hervorragenden Grundstein für eine erfolgreiche Weinverkostung.

Abschließend würde mich interessieren, was für dich auf einer Weinverkostung ein absolutes „No Go“ ist. Schreib in die Kommentare welche Fehler man deiner Meinung nach nicht auf einer Weinprobe machen darf.

 

Quellen:

[JEN-07] Jens Priewe: Wein die neue große Schule. Zabert Sandmann, 2007, 3. Auflage

Foto: ©Kelsey Chance – unsplash

Ich bin Daniel Bayer, der Wein Blogger hinter wein-verstehen.de. Wenn du mehr über diesen Blog erfahren möchtest und neugierig bist wer ich bin, dann klicke in der oberen Menüleiste auf den Punkt ÜBER MICH.

6 KOMMENTARE

  1. Ein gut geschriebener Artikel mein lieber Kollege. Den ein oder anderen Punkte nehme ich definitiv mit auf. „No Go’s“ auf Weinproben. Darüber muss ich gründlich nachdenken, da wir Weintrinker, Genieser als auch Winzer ein sehr tolerantes Völkchen sind. Trotzdem würde ich sagen, dass Weinglas wie ein Wasserglas zu greifen, hat für mich mittlerweile eine Abneigung. Ich kann gar nicht so genau sagen woran das liegt, aber es gebiet Wein definitiv nicht den nötigen Respekt und etwas Demut hat noch niemanden geschadet. Dein Weinblogger

    • Hallo Marco! Vielen Dank für deinen Kommentar! Ich stimme dir zu. Besonders in Serien und Filmen wir das Weinglas zu 99 % falsch gegriffen. Ich frage mich immer ob das Absicht der Schauspieler ist oder ob sie es wirklich nicht besser wissen. 🙂

  2. hallo, daniel, danke für Deine wirklich interessanten artikel rund um den wein – als weinliebhaberin hast Du mir so einiges prima erklärt.
    schmunzeln musste ich allerdings bei Deinem vorschlag, „…auf ein einfaches, stilles Wasser zurück(zu)greifen. Dieses erfrischt deine Geschmackspupillen…“ es stimmt schon: das auge isst und trinkt mit, doch meintest Du wohl doch die papillen, die die geschmacksknospen enthalten 😀 ? nix für ungut – ich bleibe Deinem blog treu 🙂

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